Agentur

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© Stephan Doleschal
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Vertrauenssache

Die feinste Adresse für Sängerinnen und Sänger befindet sich am Heumarkt, gegenüber dem Stadtpark in Wien. Im verschwiegenen Innenhof eines atmosphärischen Biedermeiergebäudes wirkt seit bald zehn Jahren die Agenturgründerin Helga Machreich – energisch, umsichtig, mit Einfühlungsvermögen und schier unerschöpflicher Freude an ihrem Beruf.

Derart bruchlose Biografien sind selten, ebenso wie der Umstand, dass ein einziger Zufall genügt, um individuelle Begabungen und persönliche Leidenschaften zum Ausgangspunkt einer soliden beruflichen Laufbahn zu verknüpfen, die auch mit den Jahren nicht zur Routine wird, sondern unverändert Begeisterung auslöst. Helga Machreich hat zweifellos Glück gehabt, aber sie wusste das auch zu würdigen, ihre Chance zu nützen. Sie hat sich mit all ihrer Kraft hineingestürzt in die Möglichkeit, ohne Wenn und Aber, hat Entschlüsse gefasst, mit Mut und Selbstvertrauen, großzügig, ohne Kompromisse. Das Herz ist bei ihren Entscheidungen immer genauso beteiligt wie der Kopf, und wenn sich musikalische Begabung und Verständnis für wirtschaftliche Vorgänge so schön ergänzen wie in ihrem Fall, ist Erfolg das harmonische Resultat.

Wenn Helga Machreich heute die Interessen einer überschaubaren Zahl von etwa fünfzig Sängerinnen und Sängern internationalen Formats vertritt, dann geht es ihr eben nicht allein um gute Verträge – obwohl ihr Name hier durchaus als Programm gelten kann; die künstlerische Entwicklung ihrer KlientInnen ist ihr ein mindestens ebenso wichtiges Anliegen. Sie versteht ihre Agentur nicht als „Kaufhaus“, sondern als „Boutique“, will ihre Künstler nicht mit einem bestimmten Produkt, sondern mit ihrem Anliegen vertreten und mit maßgeschneiderten Projekten an Veranstalter, Orchester und Dirigenten vermitteln; in Konstellationen, bei denen – um im Bild zu bleiben – nicht bloß die Gesamterscheinung stimmt, sondern jeder Abnäher passgenau sitzt. Intuition ist da manchmal wichtiger als kluge Ideen. Die Grundlage all dessen bilden aber eine vertrauensvolle persönliche Beziehung und Diskretion im Umgang mit den intimen Aspekten der Zusammenarbeit.

Klarinette und Mezzosopran

Musik war im Leben von Helga Machreich von Anbeginn selbstverständlich und unverzichtbar. Die in Villach geborene Kärntnerin hat die ersten vierzehn Lebensjahre im Salzburgischen verbracht, im Pinzgau. Dort war die weitverzweigte Familie des Vaters ansässig, die nach gutem Brauch in den lokalen Trachtenkapellen musizierte und den mehrstimmigen Gesang pflegte. Wenn die Großmutter ihre Enkelkinder um sich versammelte, kam schon ein stattlicher Chor zustande. „Ich war die älteste von insgesamt dreißig. Wir singen auch heute noch gemeinsam, wenn die Familie zusammenkommt.“

Mit acht entschied sie sich, Klarinette zu lernen. Das Instrument hat sie zwanzig Jahre lang begleitet, bot „seelische Nahrung“ und Ausgleich, „wie andere Sport oder Yoga betreiben: Die Klarinette war immer ein Teil von mir.“ Ein engagierter Musiklehrer hatte ihr noch in der Volksschulzeit die ersten Zugänge zur Klassik eröffnet, und als sie mit zehn bei den Salzburger Festspielen „Die Zauberflöte“ mit Papageno Christian Boesch erlebte, war sie mit dem Opernvirus infiziert. Nach ihrer Matura an der Höheren Bundeslehranstalt in Spittal an der Drau ging sie zunächst für ein Jahr nach Frankreich, um dann in Wien ein Studium der Handelswissenschaften zu beginnen. Die Einsicht, dass ihr Talent für eine professionelle musikalische Laufbahn nicht ausreichte, ließ sie ihrer Leidenschaft nur umso heftiger frönen. Dreimal die Woche am Stehplatz der Wiener Staatsoper, mit unvergesslichen Erlebnissen wie etwa Ileana Cotrubas‘ Abschiedsvorstellung in „La Bohème“ oder das Debüt von Natalie Dessay in „Hofmanns Erzählungen“, dazu „80 Prozent aller Liederabende“. Sie suchte sich eine Gesangslehrerin, nahm sechs Jahre Unterricht. „Ich bin Mezzosopran. Zu dieser mittleren Stimmlage habe ich überhaupt eine besondere Beziehung.“

Nicht zuletzt engagierte sich Helga Machreich im Amateurorchester der Wirtschaftsuniversität – als Klarinettistin und in der Organisation. Das war ihre Einstiegsdroge in den Beruf. „Das Organisieren hat mir immer Spaß gemacht, das war nie Arbeit für mich.“ Sie übernahm das Management des WU-Orchesters von ihrer Kommilitonin Maria Zeugswetter, als diese in der prominenten Wiener Künstleragentur Raab & Böhm zu arbeiten begann. Und dort eröffnete sich bald auch für Helga Machreich die entscheidende Chance.

 

„Ich hatte viele Schutzengel“

An einem Nachmittag im Jänner 1997 erhielt sie einen Anruf von Horst Böhm, der sie völlig unvorbereitet, noch am selben Tag, zu einem Gespräch beorderte. „Am Montag darauf, es war der 13. Jänner, habe ich als Assistentin von Ilse Halbmayr in der Gesangsabteilung begonnen. Ich habe mich nicht beworben. Ich war siebenundzwanzig und hatte von nichts eine Ahnung. Aber ich glaube, dass ich gut improvisiert habe – und ich wusste: Ich bin am richtigen Platz.“

Tränen des Glücks beim ersten „dienstlichen“ Konzertbesuch im Musikverein. Schrecksekunden allein im Büro, als die Schubertiade um freie Termine von Robert Holl anfragte. Sie wuchs in ihre Aufgaben hinein. Die fachlichen Voraussetzungen brachte sie mit, denn mit den meisten „ihrer“ Sängerinnen und Sänger war sie durch ihre Hörerfahrung bestens vertraut. „Ich kannte die Stimmen und das Repertoire.“ Das Handwerk und die täglichen Abläufe erlernte sie in der Praxis. Dass sie dank ihres Studiums keine Scheu vor Zahlen und Paragraphen hatte, kam ihr bei den geschäftlichen Anforderungen zu Hilfe.

Sie lernte rasch. Binnen fünf Jahren stieg sie in die Geschäftsführung auf. Drei ihrer geliebten Mezzosopranistinnen – Marjana Lipovsek, Bernarda Fink und Iris Vermillion – waren die ersten, für die sie die Generalvertretung übernahm; dazu gesellten sich bald Michael Schade, Thomas Quasthoff und Patricia Petibon. Zusätzlich zur Leitung der Gesangsabteilung betreute sie viele der neuen Agenden im General Management, die sich aus dem EU-Beitritt Österreichs ergaben. Der nächste logische Schritt war bereits einvernehmlich geplant: Sie sollte Horst Böhm bei seinem Pensionsantritt als Agenturchefin nachfolgen.

Doch es kam anders. Im Herbst 2010 reifte in Helga Machreich eine Überzeugung: Sie musste auf eigenen Füßen stehen, ihren eigenen Weg gehen. Es war gewissermaßen eine organisch gewachsene Entscheidung, denn sie erwartete ihr zweites Kind, und der Geburtstermin am 8. Dezember bildete eine Art natürlicher Zäsur. Als sie an diesem Nachmittag ihr Büro verließ, war das der erste Schritt in die Selbständigkeit. Sie nahm sich einen Monat Zeit für sich und ihre kleine Tochter Clara. Danach traf sie, noch während sie offiziell in Karenz war, zügig alle Vorbereitungen für ihren Neustart mit Machreich Artists. Ihren Entschluss hat sie keine Sekunde bereut. „Es hat sich wie von selbst gefügt. Es hat einfach gepasst.“

Über Freunde fand sie auf Anhieb ihr Büro am Heumarkt – „das erste, das ich besichtigt habe“. Im Mai 2011 gründete sie ihre eigene GmbH, erhielt finanzielle Förderungen und konnte schließlich die komplette Gesangsabteilung von Raab & Böhm mit rund 50 Künstlerinnen und Künstlern in Form eines Buy-out in ihre eigene Agentur übernehmen. „Es war wunderbar, ein nahtloser Übergang. Die Projekte mussten ja weiterlaufen. Aber jetzt war es mein Geschäft.“
Der Transfer vollzog sich naturgemäß nicht ohne zähe Verhandlungen, aber ohne Bruch und ohne Ressentiments. Denn das war Helga Machreich immer wichtig: „Ich arbeite gerne und gut mit anderen zusammen. Ich habe nie einen Künstler abgeworben, sondern immer versucht, reibungslose Übergänge zu schaffen, wenn jemand zu mir wechseln wollte. Man trifft sich in der Branche ja immer wieder, man muss einander in die Augen schauen können.“

 

„Viel arbeiten und seinen Traum leben“

Helga Machreich ist die älteste von drei Geschwistern. Ihr Vater war Bauunternehmer und starb mit nur 53 Jahren. Als sie sieben war, hatte er einen schweren Arbeitsunfall, nach dem er halbseitig gelähmt blieb. Ein schwerer Schicksalsschlag, den die Familie ganz allein, ohne Unterstützung von außen, zu bewältigen hatte. „So etwas wie Krisenintervention gab’s damals noch nicht. Da hat sich meine Perspektive auf das Leben und auf das Zusammenleben stark verändert. Wir Kinder haben gelernt, früh selbständig zu sein, zuzupacken, keine Mühe zu scheuen.“ Entsprechend zielstrebig haben alle drei ihr Leben in die Hand genommen. Bruder Uwe absolvierte eine Lehre als Koch und führt heute mit seiner Frau Veronika sein eigenes Restaurant, das mit zwei Hauben dekorierte „Triad“ in der Buckligen Welt. Schwester Ingrid hat das Schneiderhandwerk erlernt und ist derzeit stellvertretende Werkstätten-Leiterin der Damenschneiderei bei Art for Art.

Aufgrund ihrer Rolle in der familiären Hierarchie könnte man sagen, Helga Machreich sei eine geborene „Chefin“, gewohnt, die anderen anzuleiten. Sie sagt: „Die größte Herausforderung ist die Personalführung. Ich habe kein Problem mit fünfzig Sängern, aber fünf Mitarbeiter sind etwas ganz anderes.“ Nicht zuletzt, weil sie in der Regel einer jüngeren Generation angehören. Doch auch in dieser Hinsicht ist ihr bislang alles gelungen, und sie freut sich über die „wunderbare Kombination“ von Menschen, die sie täglich unterstützen. „Ich muss delegieren können. Die Agentur ist so gut wie die Summe der Qualitäten aller, die hier arbeiten.“

Neben der künstlerischen Kompetenz, der Fähigkeit zur Beurteilung von Stimmen mitsamt ihren Entwicklungsmöglichkeiten sowie den musikalischen Grundlagen wie Klavierspielen und Partitur Lesen erwartet sie vor allem die Beherrschung von Fremdsprachen, mit besonderem Fokus auf Französisch. Das eröffnet Machreich Artists einen spezifischen, nicht allgemein zugänglichen Aktionsradius, mit der Vertretung von Künstlerinnen wie Patricia Petibon und Sabine Devieilhe. „Mein ganzes Büro spricht Englisch und Französisch, darauf lege ich viel Wert.“ Die praktische Seite umfasst das Verhandeln von Gagen und das Lesen von Verträgen, „nicht nur auf Deutsch“, sowie fundiertes Wissen in Fragen von Steuern und Lizenzen. All das setzt Helga Machreich selbstverständlich voraus.

Die wichtigste Aufgabe ist und bleibt aber die persönliche Zusammenarbeit mit den Künstlern, für die sie neue, maßgeschneiderte Herausforderungen entwerfen und inspirierende Partnerschaften mit Dirigenten, Orchestern und Institutionen in die Wege leiten möchte. Hierfür ist eine Eigenschaft unverzichtbar, die sich kaum lernen lässt: „Das Gefühl für den richtigen Moment“, die Intuition. „Wenn man spürt, dass ein Künstler nicht hundertprozentig hinter einem Projekt steht, macht man es besser nicht.“ Und man muss sich immer bewusst sein, dass man sich nicht nur in einer geschäftlichen Beziehung, sondern zugleich in einem höchst intimen Bereich bewegt. „Stimme ist sowieso etwas Intimes. Und wenn man für jemanden einen Kalender gestaltet, greift man stark ins Privatleben ein.“ Das erfordert ein hohes Maß an Vertrauen, auch seitens der Familien der Künstler.

Ein typischer Frauenberuf? – Keineswegs. Helga Machreich schwärmt von ihrem Vorbild Robert Rattray, dem 2018 verstorbenen Chef von Askonas Holt in London, und sie rühmt nicht zuletzt ihren ehemaligen Chef Horst Böhm, auf dessen Philosophie ihr eigenes Credo gründet: absoluter Top-Service, bei dem man die Künstler auf Händen trägt. „Ich lasse mich auf jeden einzelnen ein, das ist mir ein Anliegen. Wir setzen ganz auf intensive persönliche Betreuung. Für viel mehr als rund fünfzig Künstler könnte ich auf diese Art gar nicht arbeiten, das wäre nicht seriös.“Entsprechend gering ist die Fluktuation bei Machreich Artists. Neuzugänge kommen hauptsächlich über Empfehlung der Stammkünstler. So hat Helga Machreich „ihre“ Sängerinnen und Sänger in Großteils zwei Jahrzehnte währender Zusammenarbeit zu einer Art Familie geformt. Die persönliche Verbundenheit beschert ihr mitunter auch eine spontane Überraschung – etwa wenn der gelernte Produktdesigner Florian Boesch dafür sorgt, dass sie nach der Rückkehr von einer Reise auf der Terrasse ihres Büros einen formschönen Holzboden fixfertig verlegt vorfindet.

 

Ein typisches Frauenproblem hat sich im Privatleben von Helga Machreich übrigens nicht gestellt: Sie kann den geliebten Beruf, der sie bis zu siebzig Stunden in der Woche beansprucht, ziemlich problemlos mit der nicht weniger geliebten Familie vereinen. Das verdankt sie ihrem Mann, dem Klagenfurter Max Unterzaucher, den sie einst im Orchester der Wirtschaftsuniversität kennen lernte. Der ausgebildete Maschinenbautechniker hatte bei Roland Berger an der Wiener Musikuniversität Horn studiert, war beruflich jedoch im internationalen Industrieanlagenbau tätig. 1999 wurde geheiratet. Als sich 2004 das erste Kind ankündigte, wechselte er ins Tournee-Management bei Raab & Böhm. Ein halbes Jahr nach der Geburt von Sohn Clemens ging er in Karenz, um das Baby zu betreuen. Die Vaterrolle hat er in der Folge stark ausgebaut. Als Mitarbeiter von Machreich Artists ist er mittlerweile nicht nur eine Stütze der Agentur, sondern auch der Fixstern im Familienleben, wo er für die nötige Ruhe und Kontinuität in den täglichen Abläufen sorgt. „Er hält mir den Rücken frei und ist präsent für die Kinder. Er hat kein Problem, in der zweiten Reihe zu stehen. Wir sind ein gutes Team.“

Ständiges Reisen lässt sich für Helga Machreich nicht vermeiden, wenn sie ihre Künstlerfamilie mit der gewohnten Intensität betreuen und in der Branche auf dem Laufenden bleiben will. „Das ist wirklich anstrengend. Am Vorabend denke ich oft: O Gott! Aber dann schalte ich auf Autopilot und denke nicht mehr darüber nach. Ich kann auf Langstreckenflügen zum Glück schlafen.“
Nicht alles, was sie anpackte, war ein ausgemachter Erfolg, zuweilen hat sie eine Situation falsch eingeschätzt, sich in jemandem geirrt. Doch Helga Machreich lebt ihren Traum. „Ich habe gefunden, wofür mein Herz brennt.“ Immer noch sitzt sie begeistert in jeder Opernvorstellung, jedem Liederabend, jedem Konzert. Und wenn sie im Autoradio einen Ausschnitt aus jener CD mit Brahms-Liedern hört, für die sie bei Bernarda Fink lange Überzeugungsarbeit geleistet hat, muss sie auf dem Pannenstreifen anhalten, weil ihr die Tränen die Sicht nehmen. „So lange mich das alles so berührt, möchte ich nichts anderes tun!“

Auf manches ist sie ein wenig stolz. Gerade im Fall Bernarda Fink ist es gelungen, jenseits des Spezialbereichs der Alten Musik, in dem sie ursprünglich angetreten war, einen größeren Horizont zu öffnen, in dem sich ihre Kunst nun entfaltet. Das größte Abenteuer bestand sie zweifellos mit Thomas Quasthoff. Jahrelang hatte sie bei Raab & Böhm seine Verträge gemacht und freute sich darauf, ihn auch künftig zu betreuen. Und dann teilte er der frisch gebackenen Agenturchefin mit, dass er seine Karriere als klassischer Bariton zu beenden und alle bestehenden Engagements zu kündigen wünsche. „Ich habe Rotz und Wasser geheult, und da ging’s mir gar nicht um die Provision. In diesem Moment habe ich nur daran gedacht, dass ich diese Stimme nie wieder live hören werde! Und dann musste ich das den Veranstaltern kommunizieren und Ersatz finden. Im Jänner 2012 war sein Terminkalender leer.“ Helga Machreich hat ihn allmählich wieder gefüllt: mit den Jazzprojekten, mit denen er international Furore macht, und im Klassikbereich mit Engagements als Sprecher. „Ich bin den ganzen Weg mit ihm gegangen. Das ist ja überhaupt das Schönste: einen Künstler vom Anfang bis zum Ende zu begleiten.“

Text von Monika Mertl